DGS: Hühner gegen Vogelgrippe züchten?

27-07-2026

US-Wissenschaftler untersuchen, warum eine alte Hühnerrasse Influenzaviren offenbar besser abwehrt als moderne Linien. Ziel ist es, genetische Merkmale zu finden, die sich später in kommerziellen Zuchtprogrammen nutzen lassen. Noch steht das Projekt allerdings ganz am Anfang.

von Vivien Kring, DGS RedaktionQuelle University of Californiaerschienen am 27.07.2026
 
 

Seit Jahren versucht die Geflügelbranche, die Aviäre Influenza mit konsequenter Biosicherheit einzudämmen. In einigen Ländern kommen inzwischen Impfprogramme hinzu. Ein Forschungsteam der University of California in Davis untersucht nun einen weiteren Ansatz. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, ob sich Hühner langfristig auf eine bessere natürliche Abwehr gegen das Virus züchten lassen. Finanziert wird das Projekt von der Foundation for Food & Agriculture Research (FFAR), die dafür knapp 300.000 US-Dollar bereitstellt.

Eine Hühnerrasse beschäftigt die Forschung seit Jahren

Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen keine modernen Legehennen oder Masthühner, sondern Fayoumi-Hühner. Die ursprünglich aus Ägypten stammende Landrasse gilt seit Langem als außergewöhnlich robust. Schon frühere Arbeiten deuteten darauf hin, dass Fayoumi-Hühner auf verschiedene Krankheitserreger anders reagieren als moderne Zuchtlinien.

So zeigte eine 2021 veröffentlichte Studie von Forschern der University of California, dass Fayoumi-Hühner nach einer Infektion mit einem niedrigpathogenen Influenza-A-Virus (H6N2) weniger Virus über die Atemwege ausschieden als eine untersuchte Leghorn-Linie. Gleichzeitig fanden die Wissenschaftler mehr Immunzellen im Atemwegsgewebe der Tiere. Die Autoren werteten dies als Hinweis auf eine schnellere und stärkere Immunantwort.

Bereits zwei Jahre zuvor hatte dieselbe Arbeitsgruppe Unterschiede in der Aktivität verschiedener Gene nach einer Influenzainfektion beschrieben. Bestimmte Stoffwechsel- und Signalwege reagierten bei Fayoumi-Hühnern anders als bei Leghorn-Tieren. Welche dieser Unterschiede tatsächlich für eine höhere Widerstandsfähigkeit verantwortlich sind, blieb jedoch offen.

Jetzt folgt der entscheidende Test

Das Team will bebrütete Eier der Fayoumi-Rasse sowie von Mast- und Legehennenlinien mit einem hochpathogenen Influenzavirus infizieren. Im Ei entwickelt sich bereits ein Küken. An diesem Modell lässt sich messen, wie stark sich das Virus vermehrt und wie viele Embryonen die Infektion überleben.

Die Wissenschaftler wollen anschließend untersuchen, welche Gene in den verschiedenen Linien an- oder abgeschaltet werden. Außerdem prüfen sie, welche Teile der Immunabwehr auf das Virus reagieren. So wollen sie jene Erbanlagen eingrenzen, die mit einer geringeren Virusvermehrung oder höheren Überlebensrate zusammenhängen. Die FFAR nennt ausdrücklich die Virusmenge und das Überleben der Embryonen als zentrale Messgrößen des Projekts.

Das Modell mit bebrüteten Eiern bietet einen ersten Vergleich unter einheitlichen Bedingungen. Es bildet jedoch nicht vollständig ab, wie ein geschlüpftes Tier mit einem ausgereiften Immunsystem auf eine Infektion reagiert. Sollten die Forscher deutliche Unterschiede finden, müssten weitere Versuche mit lebenden Tieren folgen.

Keine neuen Hühner, sondern neue Marker

Das Ziel besteht nicht darin, Fayoumi-Hühner direkt mit heutigen Legehennen oder Masthühnern zu kreuzen. Die Leistungsunterschiede zwischen den Tieren wären dafür zu groß. Die Forscher suchen vielmehr nach einzelnen genetischen Merkmalen, die sich mit einer besseren Virusabwehr verbinden lassen.

Zuchtunternehmen könnten solche Merkmale später bei der Auswahl ihrer Tiere berücksichtigen. Dafür müssten die Wissenschaftler aber zunächst sogenannte genetische Marker finden. Ein Marker ist ein erkennbarer Abschnitt im Erbgut, der mit einer bestimmten Eigenschaft zusammenhängt. Züchter können Tiere dann bereits anhand einer Erbgutprobe auswählen, ohne erst eine Infektion abwarten zu müssen.

Ob sich die Virusabwehr tatsächlich über wenige gut erkennbare Marker verbessern lässt, ist offen. Die Immunantwort entsteht meist durch das Zusammenspiel vieler Gene. Außerdem darf eine Auswahl auf Krankheitsresistenz andere Merkmale wie die Legeleistung, die Futterverwertung oder die Tiergesundheit nicht verschlechtern.

Genatlas soll die Suche beschleunigen

Das Team um Huaijun Zhou kann bei der Suche auf umfangreiche Vorarbeiten zurückgreifen. Eine internationale Forschungsgruppe unter seiner Leitung veröffentlichte 2025 einen Atlas zur Steuerung der Gene beim Huhn. Die Wissenschaftler werteten dafür Daten aus mehr als 100 Hühnerrassen und 28 Geweben aus. Der Atlas zeigt, welche Abschnitte des Erbguts die Aktivität einzelner Gene beeinflussen.

Solche Daten helfen den Forschern, auffällige Erbgutvarianten genauer zuzuordnen. Finden sie nach der Infektion Unterschiede zwischen Fayoumi-Hühnern und kommerziellen Linien, können sie im Atlas nachsehen, welche Gene in den betroffenen Geweben gesteuert werden.

Zhou arbeitet bereits seit Jahren an der Frage, wie sich Krankheitsresistenz beim Huhn züchterisch nutzen lässt. In früheren Arbeiten untersuchte sein Team neben Influenzaviren auch Erreger wie Salmonellen, Campylobacter und das Newcastle-Disease-Virus.

Ein anderer Weg als Geneditierung

Das Projekt aus Kalifornien nutzt die natürliche genetische Vielfalt zwischen Hühnerrassen. Damit unterscheidet es sich von Versuchen, bei denen Forscher das Erbgut gezielt verändern. Ein britisches Team des Roslin Institute, der University of Edinburgh und des Pirbright Institute hatte zuvor im Jahr 2023 bereits ein Gen im Huhn bearbeitet, das Influenzaviren für ihre Vermehrung benötigen. Nach einer niedrigen Infektionsdosis blieben neun von zehn geneditierten Hühnern ohne nachweisbare Infektion. Bei einer höheren Virusdosis infizierten sich jedoch auch diese Tiere. Das Virus konnte sich dabei teilweise an die veränderten Bedingungen anpassen. Die britische Studie zeigte damit zweierlei: Das Erbgut des Huhns kann die Empfänglichkeit für Influenzaviren deutlich beeinflussen. Ein Eingriff in ein einzelnes Gen reicht aber nicht zwangsläufig aus, um die Tiere unter allen Bedingungen zu schützen.

Das Projekt an der University of California wählt einen anderen Weg – ohne gezielte Genmanipulation. Es will zunächst verstehen, wie natürliche Abwehrmechanismen funktionieren. Die Wissenschaftler verändern das Erbgut der Tiere nicht. Sie prüfen, ob vorhandene Unterschiede für die herkömmliche genomische Zucht nutzbar sind.

Genetik allein wird die Vogelgrippe nicht lösen

Bis daraus ein praktischer Nutzen entsteht, dürfte allerdings noch viel Zeit vergehen. Zunächst muss das Projekt überhaupt zeigen, dass Fayoumi-Hühner hochpathogenen Influenzaviren tatsächlich besser widerstehen als heutige Mast- oder Legehennenlinien. Anschließend müssten die verantwortlichen Gene identifiziert und ihre Wirkung in kommerziellen Zuchtlinien bestätigt werden.

Selbst dann würde eine höhere genetische Widerstandsfähigkeit Biosicherheitsmaßnahmen oder Impfprogramme nicht ersetzen. Sie könnte dazu beitragen, Krankheitsverläufe abzuschwächen oder die Virusmenge zu verringern. Ob dadurch auch die Weiterverbreitung des Virus sinkt, muss jedoch erst nachgewiesen werden. Auch Projektleiter Huaijun Zhou bezeichnet die genetische Widerstandsfähigkeit deshalb als langfristige Ergänzung der bisherigen Bekämpfungsstrategien und nicht als Ersatz für bestehende Maßnahmen

 
 

Inloggen op de ledenportal