DGS: Schweiz führt, Europa holt auf

29-07-2026

Die Schweiz hat die Geschlechtsbestimmung im Ei nahezu flächendeckend eingeführt, Norwegen steht kurz davor. Auch in der Europäischen Union wächst der Anteil der In-ovo-Geschlechtsbestimmung rasant. Eine aktuelle Marktanalyse zeigt, welche Länder den Wandel vorantreiben und warum Europa weltweit die Entwicklung bestimmt.

von DGS RedaktionQuelle: Market Penetration and Forecast Report 2026 erschienen am 29.07.2026 Lesezeit: ca. 4 Min.
 

Noch vor wenigen Jahren arbeiteten nur einzelne Brütereien mit der Geschlechtsbestimmung im Ei. Heute verändert die Technologie den internationalen Legehennenmarkt. Immer mehr Länder steigen in die In-ovo-Geschlechtsbestimmung ein, neue Brütereien nehmen Anlagen in Betrieb und gesetzliche Vorgaben beschleunigen den Ausbau zusätzlich. Europa hat sich dabei zum weltweiten Vorreiter entwickelt. Zu diesem Ergebnis kommt der Market Penetration and Forecast Report 2026 von Innovate Animal Ag. Die Autoren haben dafür Unternehmensangaben, Marktinformationen und Experteneinschätzungen aus den wichtigsten Legehennenregionen ausgewertet.

Zwei Brütereien reichen für fast den gesamten Schweizer Markt

Am weitesten ist die Schweiz. Nach Schätzung der Autoren stammen inzwischen 85 bis 100 % der kommerziellen Legehennen aus einer In-ovo-Geschlechtsbestimmung. Erst Mitte 2025 installierten die beiden führenden Legehennenbrütereien des Landes entsprechende Anlagen. Innerhalb weniger Monate entwickelte sich die Technik damit nahezu zum Standard. Dass zwei Brütereien ausreichen, um fast den gesamten Schweizer Markt abzudecken, zeigt zugleich einen entscheidenden Vorteil der Technologie: Investieren müssen nicht Tausende Legehennenhalter, sondern vergleichsweise wenige spezialisierte Brütereien. Von dort gelangen die weiblichen Küken in zahlreiche Aufzucht- und Legebetriebe. Dadurch kann sich die Technik innerhalb kurzer Zeit im gesamten Markt etablieren.

Norwegen wählt einen anderen Weg

Auch Norwegen steht kurz vor der flächendeckenden Einführung. Die Marktanalyse geht von einer Durchdringung zwischen 45 und 60 % aus, im Mittel von rund 52 %. Bemerkenswert ist dabei weniger die Zahl als der Weg dorthin. Anders als Deutschland verzichtete Norwegen zunächst auf ein gesetzliches Verbot des Kükentötens. Stattdessen verständigte sich die Geflügelbranche auf einen freiwilligen Ausstieg. Anfang 2026 kündigte der norwegische Fleisch- und Geflügelverband an, das Töten männlicher Küken bis Juli 2027 vollständig zu beenden. Die beiden größten Brütereien des Landes haben ihre Kapazitäten bereits entsprechend ausgebaut.

Europa wird zum Taktgeber

Während einzelne Länder bereits nahezu am Ziel sind, verändert sich inzwischen der gesamte europäische Markt. Nach Berechnungen von Innovate Animal Ag stammen heute rund 40 % der kommerziellen Legehennen in der Europäischen Union aus einer In-ovo-Geschlechtsbestimmung. Zum 1. Juni 2026 entsprach das 125 bis 142 Mio. von insgesamt 328 bis 346 Mio. Legehennen. Gegenüber April 2025 legte der Anteil damit um sechs Prozentpunkte zu.

Getragen wird diese Entwicklung vor allem von Deutschland und Frankreich. Beide Länder haben das Kükentöten bereits verboten und damit Investitionen in neue Brütereitechnik ausgelöst. Italien will Anfang 2027 folgen. Nach Berechnungen der Autoren lebt damit inzwischen gut die Hälfte der EU-Bevölkerung in Staaten, in denen das Kükentöten bereits beendet wurde oder in Kürze ausläuft.

Die Analyse macht außerdem deutlich, warum Europa weltweit schneller vorankommt als viele andere Regionen. Anders als bei Stallumbauten oder neuen Haltungssystemen entscheidet nicht jeder einzelne Betrieb über die Einführung der Technik. Ausschlaggebend sind die Investitionen weniger Brütereien, die anschließend Millionen Bruteier verarbeiten und damit große Teile des Marktes erreichen. Genau diese Struktur ermöglicht es, dass die Marktdurchdringung innerhalb weniger Jahre deutlich zunimmt.

USA: Der Handel treibt die Entwicklung

Während Europa den Ausbau vor allem mit gesetzlichen Vorgaben vorantreibt, entwickelt sich der Markt in den USA deutlich anders. Dort spielt die Geschlechtsbestimmung im Ei bislang nur eine geringe Rolle. Nach Schätzung von Innovate Animal Ag stammen weniger als ein Prozent der kommerziellen Legehennen aus einer In-ovo-Geschlechtsbestimmung. Mehrere Brütereien haben jedoch angekündigt, ihre Kapazitäten auszubauen, sodass der Anteil bereits in naher Zukunft auf mehr als vier Prozent steigen könnte.

Der wichtigste Unterschied liegt im Antrieb des Marktes. Während in Europa gesetzliche Verbote Investitionen ausgelöst haben, wächst in den USA vor allem der Druck aus dem Lebensmitteleinzelhandel und von Vermarktungsprogrammen. Einzelne Handelsunternehmen sowie Programme wie Certified Humane oder die Branchenorganisation United Egg Producers verlangen zunehmend Nachweise, dass bei der Erzeugung auf das Töten männlicher Küken verzichtet wird. Für Brütereien wird die In-ovo-Geschlechtsbestimmung damit zu einem Wettbewerbsvorteil, auch ohne gesetzliche Verpflichtung.

Australien und Brasilien steigen in den Markt ein

Auch außerhalb Europas entstehen neue Kapazitäten. In Australien und Brasilien befindet sich die In-ovo-Geschlechtsbestimmung noch am Anfang, mehrere Brütereien haben jedoch bereits Anlagen installiert oder deren Einführung angekündigt. Nach Einschätzung der Autoren markieren diese Investitionen den Beginn einer breiteren Marktentwicklung. Beide Länder zählen zu den bedeutenden Eierproduzenten ihrer Regionen und könnten in den kommenden Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen.

Die Marktanalyse zeigt zugleich, dass sich die Technologie inzwischen nicht mehr auf einzelne Vorreiter beschränkt. Vielmehr entsteht ein internationales Netzwerk aus Brütereien, Technologieanbietern und Eierproduzenten, das den Ausstieg aus dem Kükentöten Schritt für Schritt vorantreibt. Während Europa derzeit den größten Anteil erreicht, beginnen andere Regionen nun, vergleichbare Strukturen aufzubauen.

Europa dürfte seinen Vorsprung zunächst ausbauen

Nach Prognose von Innovate Animal Ag wird sich diese Entwicklung fortsetzen. Bis Mitte 2028 könnte der Anteil der In-ovo-Geschlechtsbestimmung in der Europäischen Union auf rund 51 % steigen. Einen wichtigen Beitrag dazu soll Italien leisten, wo das Verbot des Kükentötens Anfang 2027 in Kraft treten soll. Weitere Zuwächse erwarten die Autoren durch zusätzliche Investitionen bestehender Brütereien und neue Anlagen in weiteren Mitgliedstaaten.

Rückenwind könnte außerdem aus Brüssel kommen. In ihrer im Juli vorgestellten Nutztierstrategie kündigte die Europäische Kommission an, bis Ende 2026 einen Legislativvorschlag vorzulegen, der unter anderem die systematische Tötung männlicher Küken beenden soll. Ob und in welcher Form daraus eine europaweit einheitliche Regelung entsteht, ist noch offen. Die Marktanalyse zeigt jedoch bereits heute, dass viele Brütereien ihre Investitionen nicht erst auf eine gesetzliche Vorgabe warten lassen.

Warum verbreitet sich In-ovo so schnell?

Die Technik wird in Brütereien installiert, nicht in Legehennenbetrieben.

Schon wenige große Brütereien können Millionen Bruteier pro Jahr verarbeiten.

Gesetzliche Verbote des Kükentötens schaffen Investitionssicherheit.

Handelsketten und Tierwohlprogramme erhöhen zusätzlich den Marktdruck.

Neue Anlagen wirken sich sofort auf große Teile der Eierproduktion aus.   

 
 
 

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